r Rose
Markus Schleinzer, Österreich, Deutschland, 2026o
In den Wirren des 30-jährigen Krieges erscheint ein mysteriöser Soldat in einem abgeschiedenen Dorf. Der Fremde behauptet, Erbe eines seit langem verlassenen Gutshofs zu sein. Er setzt alles daran, hier sein Glück zu finden. Sein Streben nach Anerkennung und Akzeptanz wird aber durch ein Geheimnis erschwert: Unter falschem Namen und unter Vortäuschung eines anderen Geschlechts hat der Soldat seinen Weg in das Dorf genommen. Doch um seine Ziele zu erreichen, wird er auch nicht vor der Unmöglichkeit einer arrangierten Ehe mit der Tochter eines Grossbauern zurückschrecken.
In Rose kombiniert der Österreicher Markus Schleinzer zwei beliebte Filmmotive, die zusammen ein fesselndes drittes ergeben. Das erste ist die Geschichte vom Kriegsheimkehrer, der mit einer Urkunde zweifelhaften Ursprungs zu einem verlassenen Anwesen und einer neuen Existenz kommt. Das andere ist die Geschichte einer Frau in Männerkleidern, die sich so patriarchale Vorteile verschafft. Konkret spielt Sandra Hüller (Anantomie d'une chute, Toni Erdmann) einen solchen doppelten «Hochstapler» im dreissigjährigen Krieg, der noch einen unverfrorenen Schritt weitergeht: Nachdem sich der von Kriegsnarben entstellte Heimkehrer bei der kleinen Dorfgemeinschaft mit harter Arbeit und der kaltblütigen Abwehr eines Bären Respekt verschafft hat, nimmt er/sie den Vorschlag eines begüterten Bauern an, dessen Tochter zu heiraten. Damit wird das prekäre, im 17. Jahrhundert lebensgefährliche Spiel mit der falschen Identität derart strapaziert, dass man sich höchstens fragt, wer die Frau im Mann zuerst ausmachen wird: Roses unbegattete Ehefrau, ihre/seine Bediensteten, die Dorfgemeinschaft? Und was wird dann geschehen? Schleinzer findet gleich mehrere Erzählkniffe, um die Antwort nicht nur hinauszuzögern, sondern auch die damit verbundenen Grundfragen aufzuwerfen: Ist Roses verhältnismässig «unherrisches» Verhalten nur ihre Tarnung oder typisch weiblich? Und könnte sich daraus eine soziale Utopie ergeben, wenn auch Roses nächstes Umfeld einen Vorteil im Bündnis mit einer heimlichen Frau erkennen sollte? Natürlich wird der Ausgang hier nicht verraten - zudem gewiss nichts Neues, wenn man den Goldenen Berliner Bären für Sandra Hüllers gänzlich uneitle und genial unsentimentale Verkörperung des Progatonisten hochverdient nennt. Cinephile ahnen zudem von vornherein, dass uns der filmende Intellektuelle Schleinzer, der in frühen Jahren schon mit Ulrich Seidl (Rimini) und Michael Haneke (Das weisse Band) gearbeitet hat, mit seinem nüchternen Tonfall, seiner Wortkargheit und diesmal kristallinem Schwarzweiss erneut faszinieren würde. Mag sein, dass er den Bogen im letzten Akt überspannt und mit einer letzten Überraschung chronologische Verwirrung stiftet. Doch bis dahin hat er uns längst für sein kühnes Unterfangen gewonnen.
Kerstin Blank
