r Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war
Regina Schilling, Deutschland, Österreich, 2026o
Mit einem improvisierten Szenen, Archivaufnahmen, Interviews und Texten zeichnet dieser Film den Weg der österreichischen Schiftstellerin Ingeborg Bachmann (1926-1973) nach – von der Kriegskindheit in Kärnten, dem Aufstieg zum Star der Gruppe 47 bis zu den letzten Tagen in Rom. Er ist gezeichnet von Bachmanns schwierigen Beziehungen zu Paul Celan, Hans Werner Henze und Max Frisch und ihrem lebenslangen Ringen um eine eigene, radikale Sprache. In nachinszenierten Alltags-Szenen aus Rom vertritt Sandra Hüller die Autorin.
Vor drei Jahren, zum 50. Todestag von Ingeborg Bachmann, Margarethe von Trottas Spielfilm Reise in die Wüste. Nun, zum 100. Geburtstag der Schriftstellerin, der Essay Jemand, der einmal ich war von Regina Schilling (Igor Levit – No Fear). Zwei Filme wie Tag und Nacht: der erste eine kraftlose Illustrierung, die dieser Frau in der permanenten Revolte gegen eine zementierte Sprache, Gesellschaft und sich selbst mit keinem Bild gerecht wurde. Der zweite nun eine Versuchsanordnung voller entfesselter Töne und Worte und damit die erhoffte Einladung, sich mit Bachmanns dichterischen Höhenflügen und ihrer selbstquälerischen Existenz dies- und jenseits der feministischen Revolution aufs Neue zu konfrontieren. Sandra Hüller, der Marketingcoup des Films, schlüpft in die Rolle der alleinlebenden Autorin in Rom, die 1972 gerade den Roman Malina veröffentlicht hat, verständnislos interviewt wird und mit kokettem Zögern druckreif antwortet. In ihrem Alltag zwischen Alkohol, Tabletten, Panikattacken, Unfällen, psychiatrischer Klinik und dem als Gnade und Verdammnis erlebten Schreibtisch aber weiss sie kaum mehr ein noch aus. Dabei pendelt der Film, wunderbar unvorhersehbar, zwischen Nachinszenierung und Dokumenten, die durch Auszüge aus Bachmanns Werk und einen fantastischen Soundtrack verklammert werden. Obschon Hüllers geerdete Ausstrahlung von der herben und irrlichtenden Bachmanns meilenweit entfernt ist, funktioniert das Stellvertreterinnen-Prinzip dank einer Fülle von Inszenierungseinfällen je länger desto besser: Da La Bachmann selbst, die von sich sagt, dass sie sich nur in den (allgegenwärtigen) Männerzirkeln ihrer Zeit bei sich fühle und mit dem Lyriker Celan, dem schwulen Komponisten Henze, zuletzt dem Romancier Frisch Auszeiten von ihrer Unbehaustheit erlebte, um die Männer am Ende pauschal für krank zu erklären. Dort La Hüller, die Posen und Kleider anprobiert, um in ihre Rolle hineinzuwachsen. Da wie dort schliesslich diese Lyrik und Prosa der fliegenden Perspektivenwechsel, flirrenden Sprachbilder, unergründlichen Anspielungen: Wort gewordene Heillosigkeit, atemberaubend.
Andreas FurlerGalerieo
