r Alte Liebe
Andreas Dresen, Deutschland, 2026o
Seit seiner Pensionierung meckert Harry nur noch rum, trinkt Weizenbier und pflegt seinen Rittersporn. Findet Lore. Sie klammert sich an ihren Job als Bibliothekarin, organisiert peinliche Lesungen und verehrt ihre Dichter wie Propheten. Findet Harry. Für ein altes Ehepaar reden die beiden erstaunlich viel – und meinen doch meistens etwas anderes. Als Tochter Julia zum dritten Mal heiraten will, ist der Streit programmiert und doch nur die Spitze des Eisbergs. Unausgesprochene Fragen, alte Eifersucht und Differenzen kommen hoch.
Lauter alte Paare: Zunächst das Autorenpaar Elke Heidenreich und Bernd Schroeder, das sich 1995 nach 24 Ehejahren trennte, 2009 aber gemeinsam den Bestseller Alte Liebe herausbrachte. Dann der Berliner Regisseur Andreas Dresen und seine Drehbuchautorin Laila Stieler, die sich in den 1980er-Jahren an der Filmschule kennenlernten und mit der Verfilmung von Alte Liebe ihre neunte gemeinsame Arbeit vorlegen.
Schliesslich Lore und Harry, das Heldenpaar von Buch und Film, seit vierzig Jahren verheiratet, zusammenlebend und -schlafend, doch letzteres nur noch platonisch, viel trinkend und debattierend, streitend, sich wieder zusammenraufend: er pensionierter Architekt, passionierter Gärtner und Biertrinker, sie Bibliothekarin im letzten Berufsjahr, noch immer für Dichter schwärmend und zunehmend von der Frage geplagt, ob das nun alles war.
Nämlich: all die Routine, das Aufeinander-ein- und Aneinander-vorbei-reden, Lores leiser Ärger, wenn Harry mit den Gartenschuhen ins Haus trampelt, sein stiller Frust, wenn sie seinen Kaffee «lasch» findet, ihre alte Wunde, wenn noch immer ein Buch jener Autorin auf seinem Nachttisch liegt, in die sich Harry verliebte, als Lore schwanger war. Zur dritten Hochzeit der Tochter will Harry schon gar nicht mehr anreisen, Lore dämmert, dass es mit ihren gemeinsamen Reiseplänen wohl nichts mehr wird …
Wer so viel Alltag schildert, droht in Banalität zu versinken. Doch Dresen-Stieler sind gewiefte Beobachter, die das Zeichenhafte aus den Worten und Gesten herauszuschälen wissen – im Verbund mit Dagmar Manzel und Joachim Król bisweilen vielleicht fast zu vordergründig.
Das menschenfreundliche Realistengespann, das zeigen seine grossen Filme von Gundermann über Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush bis In Liebe, Eure Hilde, versteht sich aber auch auf erzählerische Zuspitzung. In Alte Liebe blenden die beiden das soziale Umfeld des Paars bis auf Lores wortlos-demente Mutter und einen kurzen Besuch der kurz angebundenen Enkelin vollständig aus. Diese Engführung des Blicks während einer Phase der Entfremdung und der neu aufflackernden Verliebtheit schält die existenzielle Pointe des Films heraus: Vergeudet eure Zeit nicht mit Nichtigkeiten. Sie ist kürzer, als ihr denkt.
Andreas Furler
